//

Gedenkrede Prof. Dr. Scheffran 8. Mai 2026

Gegen das Vergessen: die Geschichte darf sich nicht wiederholen!

 

Jürgen Scheffran, Rede zum 8. Mai 2026 in der Gedenkstätte Gudendorf

 

Sehr geehrter stellvertretender Kreispräsident Dietrich, sehr geehrter Bürgermeister Höfs, lieber Herr Stahn, liebe Gäste

Am heutigen 8. Mai erinnern wir an das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Tag der Befreiung vom Faschismus in Europa vor 81 Jahren. Im pazifischen Raum wütete der Krieg noch bis zum 2. September 1945 weiter. Kurz zuvor hatten die USA mit den Atombombenabwürfen am 6. und 9. August die Städte Hiroshima und Nagasaki dem Erdboden gleichgemacht, zehntausende von Menschen verglühten im Bruchteil einer Sekunde. Dieser Krieg kostete weltweit über 65 Millionen Menschen das Leben, mehr Zivilisten als Soldaten in Kampfhandlungen. Ich habe diesen Krieg nicht selbst erlebt und kenne ihn nur aus Erzählungen meiner Eltern, die als Kinder aus verschiedenen Teilen Europas flüchteten, dabei Fliegerangriffen und der Versenkung der Wilhelm Gustloff in der Ostsee entkamen, der größten Schiffskatastrophe der Geschichte. Der Schwur der Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald wurde zum Appell „Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!“. Diese Botschaft ist heute so wichtig wie damals.

Am 22. Juni 2026 erwarten wir den 85. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion. Geleitet durch die Blut-und-Boden-Ideologie vom „Lebensraum im Osten“ für die deutsche „Herrenrasse“ gegen jüdische und slawische Menschen hinterließen Wehrmacht und SS auf dem Weg nach Osten durch Polen, die Ukraine und Russland eine Spur der Verwüstung. Die Strategie der verbrannten Erde traf Menschen, Dörfer, ganze Landstriche, ermordete Millionen oder schickte sie in Konzentrationslager. Insgesamt wurden etwa 27 Millionen Menschen in der Sowjetunion Opfer des deutschen Vernichtungskrieges, soviel wie in keinem anderen Land.

Von mehr als 5 Millionen sowjetischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft verloren die meisten ihr Leben, vermutlich mehr als 3 Millionen. Viele wurden nach Deutschland verschleppt, um hier wie Sklaven zur Zwangsarbeit eingesetzt zu werden, darunter auch aus Polen und anderen Ländern, um die deutschen Männer an der Front zu ersetzen. Insgesamt wurden über 13 Millionen Menschen im Deutschen Reich zur Zwangsarbeit genötigt, in den besetzten Gebieten nochmal fast soviele. Ausbeutung und Vernichtung gingen Hand in Hand, viele überlebten es nicht. In Deutschland existieren heute Gräber von mehr als 600.000 sowjetischen Opfern, die oft anonym in Massengräbern bestattet wurden.

Was hat dies mit dem Ort des Gedenkens in Gudendorf im Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein zu tun? Hier befand sich eines der vielen Lager, in dem sowjetische Kriegsgefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen und zu Tode gebracht wurden. Im Deutschen Reich entstand seit Kriegsbeginn ein breites Netz von Stammlagern (Stalags), Arbeitslagern und lokalen Arbeitskommandos. Hierzu gehörte das Lager von Gudendorf, in dem tausende sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter interniert waren. Sie wurden ihrer Freiheit beraubt, ihrer Rechte entzogen und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Hunger, Kälte, Krankheiten, mangelnde medizinische Versorgung und systematische Missachtung menschlicher Würde bestimmten ihr Leben – ein Leben, das für viele zu früh endete.

Über die Opferzahlen gibt es verschiedene Angaben. Ging man kurz nach dem Krieg von einigen hundert Toten aus, wurde Ende der 1950er Jahre geschätzt, dass in Gudendorf während des Krieges rund 3000 sowjetische Soldaten in Gefangenschaft verstarben.  Verglichen mit anderen nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen blieben diese Gewalttaten lange Zeit unbeachtet und wenig aufgearbeitet. Dies entsprach der verbreiteten Verdrängung nach dem Krieg, die deutsche Schuld zu verschweigen. Eine Rolle dürfte auch das tief sitzende Feindbild Russland gespielt haben, dass vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg propagandistisch aufgebaut und auch danach durch Systemgegensatz und Anti-Kommunismus im Kalten Krieg wieder genährt wurde. Mit dessen Ende durch Gorbatschow und Mauerfall bestanden Hoffnungen auf dauerhafte Entspannung im Verhältnis zu Russland, die jedoch bitter enttäuscht wurden.

Entsprechend spielte das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in der bundesdeutschen Erinnerung nur eine marginale Rolle und ist nie angemessen ins Bewusstsein gekommen. Ihre Geschichte verschwindet in einem „Erinnerungsschatten“, wie es der frühere Bundespräsident Joachim Gauck 2015 in seiner Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Stukenbrock formuliert hatte. Gudendorf zeigt, dass es anders geht.

Heute beherbergt Gudendorf die größte Gedenkstätte in Schleswig-Holstein an die im Zweiten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft verstorbenen sowjetischen Soldaten. Das Gedenken an sie ab 1945 und die damit verbundenen Geschichtsdeutungen erfolgten in drei Phasen. Bis 1949 errichteten die britische Militärregierung und die sowjetische Militärkommission ein Ehrenmal. In der zweiten Phase bis 1983 erhielt Gudendorf seine zentrale Rolle durch das Engagement der Bundesregierung, der Landesregierung Schleswig-Holsteins und des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. In den 1950er Jahren wurde Gudendorf zum zentralen Platz für Umbettungen von Gräbern und erhielt 1961 ein neues Denkmal. Neben diesen offiziellen Initiativen nutzte ab 1983 schließlich die Graswurzelinitiative „Blumen für Gudendorf“ die Gedenkstätte als Plattform, um an das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener zu erinnern. In der damaligen Hochzeit der Friedensbewegung war dies verbunden mit Warnungen vor einem erneuten großen Krieg und dem Einsatz für Frieden und Abrüstung.

Wir haben uns heute hier in Gudendorf versammelt, um daran anzuknüpfen und das Gedenken an die Opfer zu beleben – an das Leid, Unrecht und Versagen menschlicher Werte, an einem Ort, der uns zur Erinnerung mahnt. Wir stehen heute hier, nicht nur, um zurückzublicken, sondern auch, um zu verstehen, was geschehen ist, damit es nicht wieder geschieht. Denn das Leid war kein Naturereignis, es war von Menschen gemacht und war das Ergebnis von Ideologien, die Menschen in „wert“ und „unwert“ einteilten.

Die Gedenkstätte erinnert uns, wohin Gleichgültigkeit und Feinbilder führen, wie schnell Menschlichkeit verloren gehen kann. Wir müssen die Opfer als Menschen sehen, mit einer Lebensgeschichte, mit Namen und Familien, von denen sie nicht Abschied nehmen konnten. Ihre Geschichten wurden brutal abgebrochen. Die Opfer von Gudendorf können nicht mehr sprechen – und deshalb ist es unsere Aufgabe, ihnen heute eine Stimme zu geben. Daher ist die Gedenkstätte Gudendorf nicht nur ein Ort des Erinnerns, sie ist auch ein Ort der Verantwortung. Sie fordert uns heraus, uns ehrlich und kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen – um für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen.

Dass wir in Frieden und Freiheit leben können, ist keine Selbstverständlichkeit. Immer neue Krisen und Konflikte, soviele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg, gefährden den Frieden in der Welt, angeheizt durch Machtrivalitäten. Die von Europa ausgehende westlich dominierte Weltordnung stößt an Grenzen, die Vorherrschaft der USA ist durch China herausgefordert. Russland greift völkerrechtswidrig sein Nachbarland Ukraine an, mit dem es im Zweiten Weltkrieg zusammen gekämpft hat. Israel setzt rücksichtlos seine Militärmacht in Gaza, Libanon und Iran ein. Die Trump-Regierung beansprucht in kolonialer Manier die Hegemonie über den amerikanischen Kontinent bis nach Grönland und attackiert Iran, das wiederum Nachbarländer angreift, in der Straße von Hormus die Energieversorgung unterbricht und so die Weltwirtschaft in Geiselhaft nimmt. Im Sudan und anderen Teilen Afrikas töten und vertreiben rivalisierende Banden Millionen von Menschen, mit Unterstützung durch Waffen und Geld externer Mächte.

Rechtsextreme, populistische, nationalistische und autokratische Strömungen machen sich breit, auch in Europa. Eine expandierende Aufrüstung und die Militarisierung unserer Gesellschaften gießen Öl ins Feuer und verhindern eine zivile Lösung globaler Probleme, von Armut, Hunger und Flucht bis zu Klimawandel und Artensterben. Wenn wir diesen selbst verstärkenden Teufelskreis nicht durchbrechen, riskieren wir das 20. Jahrhundert zu wiederholen, und das heißt: Faschismus und Krieg, Verrohung und Entmenschlichung, Hass und Hetze, Diskriminierung und Ausgrenzung, Leid und Tod.

Wohin das führt, können wir hier in Gudendorf sehen, wenn wir 85 Jahre zurückschauen und uns fragen: Was tun wir, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen? Wie wollen wir eine bessere Welt schaffen? Gerade heute ist es wichtiger denn je, die Lehren der Geschichte nicht zu vergessen. Geschichte darf keine neuen Kriege rechtfertigen, und heutige Kriege dürfen frühere Verbrechen nicht vergessen lassen. Die Voraussetzungen für Frieden müssen immer wieder neu bewahrt und gestaltet werden. Daher ist dieser Ort auch ein Auftrag, unsere Stimme zu erheben gegen Unrecht, Feinbilder und Gewalt, und Brücken zu bauen in eine zukünftige Gesellschaft für Respekt, Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

Anlässlich des 8. Mai 2026 appellieren wir an Politik und Öffentlichkeit, den Friedensauftrag des Grundgesetzes zu erfüllen, Krieg als Mittel der Politik abzulehnen und sich jeglicher Kriegsbeteiligung zu widersetzen. Statt eines gewaltigen Aufrüstungsprogramms braucht Europa eine stabile und nachhaltige Friedensordnung, die alle diplomatischen Mittel für Abrüstung, gemeinsame Sicherheit, Verständigung und die Respektierung des Völkerrechts nutzt, ausreichend Mittel für eine saubere Umwelt und sozialen Fortschritt in Europa einsetzt.

Deshalb ist Erinnerung nicht nur Rückblick, sondern auch Einblick und Ausblick.